Solidarität Rimpar e.V.
Soli Rimpar

Geschichte der Solidarität

Dieser Artikel ist der Zeitschrift "Aktiv Radfahren", Ausgabe 3/96, entnommen.

Mit 330.000 Mitgliedern im Jahre 1930 war der Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund "Solidarität" der größte Radsportverband der Welt. 1996 feiert dieser Sportverband seinen 100. Gründungstag.

Im Mai 1896 beschlossen 18 Delegierte von Radfahr-Vereinen aus zwölf Städten auf dem 4. Kongreß der Arbeiter-Radfahrer in Offenbach, sich zum Arbeiter-Radfahrerbund "Solidarität" zusammenzuschließen. Schon drei Jahre zuvor in Leipzig wollten Arbeiter-Radfahrer, meistens Sozialdemokraten, einen Zentralverband mit einem explizit politischen Programm gründen. Der Bund wurde verboten, obwohl die Sozialistengesetze (1878 bis 1890) nicht mehr galten. Bei der Gründung in Offenbach hatte man das Programm weitgehend entpolitisiert. Mit dem Namen Arbeiter-Radfahrerbund "Solidarität" jedoch dokumentierte der Verein die Zugehörigkeit zur Arbeiterbewegung. Als 'die roten Husaren des Klassenkampfes' machten die Arbeiter-Radler politische Geschichte.

Arbeitersportbewegung

Die Verbandsgründung im vorigen Jahrhundert hatte natürlich auch sportliche Gründe. Arbeiter konnten sich endlich Fahrräder leisten – zwar nur gebrauchte oder sehr einfach ausgestattete. Die Arbeiter-Radler wollten – wie ihre bürgerlichen Sportgenossen – im Verein radeln. Die bürgerlichen Vereine aber, überwiegend konservativ, nationalistisch und/oder militaristisch, kamen für Arbeiter nicht in Frage oder nahmen keine Arbeiter auf. Darüber hinaus hatte die Arbeiterbewegung ein anderes, nicht unbestrittenes, Sportverständnis: Körperkultur, Körperbeherrschung und gemeinschaftliches Erleben zählten und nicht Rekorde oder bezahlter Leistungssport. Statt Radrennen gab es Wettbewerbe im Langsamfahren. Radtouristik, Kunstradfahren und andere Saalradsportarten pflegte der Verband, und diese stehen auch heute noch im Vordergrund der sportlichen Aktivitäten. In den 20er Jahren boomte die "Solidarität". Der Verband besaß eine eigene Fahrradfabrik, eigene Läden und ein ausgebautes soziales Sicherungssystem mit Unfall-, Haftpflicht-, Raddiebstahls- und Rechtsschutzversicherung. Je nach Dauer der Mitgliedschaft erhielten die Hinterbliebenen sogar im Sterbefall eine Unterstützung.

SPD und die Arbeiter-Radfahrer

Dennoch war das Verhältnis zwischen SPD und der "Solidarität" nicht spannungsfrei. Die SPD warf den Arbeiter-Radfahrvereinen vor, sie lenkten durch Sport und Vergnügungen von der politischen Arbeit ab. Sie seien auch keine richtigen Arbeiter, weil sie sich Räder leisten konnten. Selbst beim Wiederaufbau des Verbandes nach dem Zweiten Weltkrieg boten Gewerkschaften und SPD keinerlei Unterstützung.

Verbot und Wiederaufbau

Die gesamte Arbeiterbewegung war nicht stark genug, um dem Faschismus zu trotzen. Im Mai 1933 wurde die "Solidarität" verboten. Dem nationalsozialistischen "Deutschen Radfahrer-Verband" schloß sich die "Solidarität" nicht an, anders als die Funktionäre und Mitglieder des "Bund Deutscher Radfahrer", die zu einem beträchtlichen Teil in den Einheitsverband eintraten. Die Nazis beschlagnahmten das Eigentum der "Solidarität". Sie enteigneten das Bundeshaus mit dem Fahrradhaus "Frischauf", einer Fahrradfabrik mit einer Jahresproduktion von bis zu 20.000 Rädern und Verkaufsfilialen in vielen Städten, und entließen die Mitarbeiter. Nicht wenige Mitglieder der "Solidarität" wurden als engagierte Sozialisten und Kommunisten Opfer des NS-Regimes oder schlossen sich Widerstandsgruppen an.

"Solidarität" und "Bund Deutscher Radfahrer"

Die Rolle von Funktionären und Mitgliedern des "Bundes Deutscher Radfahrer" (BDR) ist nicht sehr rühmlich: Sie bekämpften die "Solidarität" im "Dritten Reich" und behinderten den Wiederaufbau des Verbandes. Dabei ging es vor allem auch um Rückgabe des Eigentums und um Entschädigungen. Der BDR wurde 1948 wiedergegründet, der Arbeiter-Radfahrerbund "Solidarität" ein Jahr später - seit 1928 hieß er Arbeiter-Rad- und Kraftfahrerbund (ARKB). Erst 1977, nach einem Bundesgerichtshofsurteil, gelang es der "Solidarität", in den Deutschen Sportbund aufgenommen zu werden. Dort verteidigte der BDR als Spitzenverband des Radsports sein Monopol. Noch in den 50er Jahren hatte der ARKB mehr Mitglieder als der BDR. Die verweigerte Mitgliedschaft im Deutschen Sportbund kam einem Verbot der Wettbewerbsteilnahme für die Solidaritätsfahrer gleich, daher wanderten viele Mitglieder in den BDR ab.

Die "Solidarität" heute

Der Rad- und Kraftfahrerbund "Solidarität" hat seine regionalen Schwerpunkte in Bayern, Baden und Hessen, Trotz der Versuche, durch Jugendarbeit und die Aufnahme neuer Sportarten die Vereine zu reaktivieren, bleibt die "Solidarität" marginal. Allein Kunstradfahren und Radball sind in der Öffentlichkeit bekannte Disziplinen. Ein verkehrspolitisches Profil bildete der Verband nicht heraus, da er sich dem Motorsport öffnete. Er kooperiert inzwischen mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat. Nach einer weitgehend zutreffenden Analyse der Probleme durch den motorisierten Individualverkehr für Mensch und Umwelt, klingt "Verkehrspolitische Plattform" des Bundestages der "Solidarität" relativ flach: Sie enthält nur sehr allgemeine Forderungen zu Bahn und Öffentlichem Personen-Nahverkehr (ÖPNV) und betont die Notwendigkeit neuer Radwege. – Volker Briese/(uw)

Buchbesprechung

Von allen Radfahrerverbänden ist die Geschichte der "Solidarität" am besten dokumentiert. Besonders die Arbeiten von Ralf Beduhn zeichnen sich trotz der langjährigen Mitgliedschaft des Autoren im RKB und im Bundesvorstand der Solidaritätsjugend durch eine kritische Distanzierung gegenüber üblichen Vereinsgeschichten aus. Das gilt auch für das vorliegende, materialreiche und interessant illustrierte Buch, in dem die Hohen und Tiefen des Verbandes dokumentiert werden. Die Herausgeber leiten die sieben Kapitel ein. Diese reichen von "I. Entstehung und Entwicklung 1893/96 bis 1914/19" bis "VII. Im neuen Deutschland 1989/90 bis 1996". Es folgen kurze Artikel verschiedener Autoren, oft Nachdrucke aus anderen Publikationen. Sie stammen größtenteils aus der Verbandszeitschrift "Der Arbeiter-Radfahrer", die durch mehrfache Namensänderungen die Richtungswechsel der "Solidarität" signalisiert. Heute heißt sie "rad + motor". Sehr hilfreich ist eine Zeittafel zur Geschichte des Verbandes im Umfeld der Fahrrad- und Sportgeschichte.

Ralf Beduhn/Jens Klocksin (Hrsg.): "Rad – Kultur – Bewegung. 100 Jahre rund ums Rad: Rad und Kraftfahrerbund Solidarität. Illustrierte Geschichte 1896–1996 Essen (Klartext) 1995 (Herausgegeben für den RKB Solidarität e.V. Offenbach a.M.)

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